Categories
News

Küsschen, Umarmung, Social Media – Kuscheln war gestern


Die Verunsicherung über zulässige Körperkontakte wurde schon durch #MeToo geschürt. Nun stellt das Coronavirus körperliche Nähe zusätzlich infrage.

Wird es das noch geben? SVP-Politiker Claudio Zanetti begrüsst eine Parteifreundin.

Wird es das noch geben? SVP-Politiker Claudio Zanetti begrüsst eine Parteifreundin.

Foto: Reto Oeschger

Die Corona-Epidemie leert die Strassen und Plätze. Radikal verändert sie die Beziehungen unter den Menschen. Wird die Distanz zu unseren Nächsten, an die wir uns gerade gewöhnen, mit der Aufhebung der diversen Ausgangssperren und Quarantänen einfach verschwinden? Wohl kaum. Es könnte gut sein, dass nach ein, zwei, drei Monaten des Social Distancing die Eiszeit in den zwischenmenschlichen Beziehungen zur neuen Normalität geworden ist.

Endgültig der Vergangenheit gehört ja der kommunistische Bruderkuss an. Aber auch der familiären oder freundschaftlichen Begrüssungs- und Abschiedsumarmung, bei der man sich mindestens unter Deutschen und Schweizern nie so recht einig wurde, ob man nun mit seinen Lippen drei- oder nur zweimal die Wange des anderen berührt, wird das grässliche Virus wohl den Garaus machen.

Ganz zu schweigen von den meist freundschaftlichen, mitunter auch erotisch konnotierten Berührungen, mit denen man sich in der Vergangenheit einer gegenseitigen Nähe versicherte und oder freundschaftliche Verbindlichkeit herzustellen versuchte. Auch diese Momente der menschlichen Wärme werden die befohlene Absonderung in der Corona-Epidemie kaum überleben.

Viele nonverbale Kontaktversuche sind schon im Zuge der #MeToo-Bewegung problematisch geworden. Um sexuellen Übergriffen vorzubeugen, hat diese vehement mehr Abstand und Anstand gefordert. Dass nun der im Gefängnis schmorende Filmmogul Harvey Weinstein positiv auf das Coronavirus getestet wurde, gehört wohl zur schrecklichen Ironie der Geschichte.

Vor dem Hintergrund des Siegeszugs der sozialen Medien wirkt das nun breit praktizierte Social Distancing in der Corona-Epidemie fast wie eine logische Folge. Die körperliche Nähe, die es auf den sozialen Medien sowieso nie gibt, ist nun auch noch staatlich verboten.

Das arbeitende Individuum mutiert zu einer asozialen Monade.

Zum einen bestehen die Social Media jetzt gewissermassen ihre Feuerprobe, indem sie den Kontakt zwischen den Menschen auch dann garantieren, wenn sich diese nicht mehr real sehen oder begegnen dürfen. Zum anderen wird aber auch jedermann klar, dass die sozialen Medien so sozial gar nicht sind, da sie die real existierende Distanz zwischen den Menschen nicht überwinden.

Die Social Media ermöglichen eine visuelle und verbale Kommunikation, blenden aber das Körperliche, das jeden Menschen konstituiert, einfach aus. Sie haben die Kommunikation ins Internet verlagert und uns an den Abstand zum Nachbarn gewöhnt, bevor er als Akt der Solidarität mit den Älteren von allen erzwungen wurde.

Jetzt zeigt sich, dass Homeoffice eigentlich ganz gut funktioniert. Zum einen sparen die Arbeitgeber Büroflächen. Zum anderen übernehmen die Arbeitnehmer durch eine freiere Einteilung der Arbeitszeit zusätzliche familiäre Aufgaben. Entscheidend ist aber, dass durch die weitgehende Vermischung von Arbeit und Familie, von öffentlich und privat, sich die Produktivität wohl noch steigert.

Maximal effiziente Kommunikation

Diese Vermischung hat ja schon durch die Mobiltelefonie Einzug in unser Leben gehalten. Im Homeoffice wird nun nicht mehr von Nine to Five gearbeitet, sondern rund um die Uhr, denn die Arbeit macht selbst vor den Träumen nicht halt. Und wer sich aus dem HomeofficeUnternehmen meldet, das zum Netzwerk von im Homeoffice arbeitenden Menschen mutiert ist, der tut das mithilfe des Internets. Die Kommunikation wird so reduziert auf das minimal notwendige und maximal effiziente Mass. Im Netz braucht es weder Kuschelsofas noch freundschaftliche Umarmungen.

Das arbeitende Individuum mutiert also mehr und mehr zu einer asozialen Monade. Mithilfe des Internets zieht es sich aus der Öffentlichkeit zurück, um seinen Aufgaben nun in den Monaten des befohlenen Social Distancing körperlos und auf geradezu roboterhafte Art und Weise nachzukommen. Die Corona-Epidemie ist somit auch ein Fenster in eine dystopische Zukunft: Bald brauchen wir uns nicht mehr vor Robotern zu fürchten, wie das in vielen ScienceFictionFilmen prognostiziert worden ist, sondern sind selbst zu Robotern geworden, die rein funktional und ohne soziale Wärmeverluste kommunizieren.





Source link

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *