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„Ich will den Druck nicht an die Kunden weitergeben”


„Team #workingfromhome, who else? #wirbleibenzuhause” schreibt Lena Terlutter an diesem Freitag in ihrem Instagram-Account. Denn von dort aus leitet sie derzeit ihre drei Unternehmen: die Boutique Belgique in Köln sowie − zusammen mit ihrem Ehemann − eine Social Media-Agentur und ein Immobilienunternehmen. Im Interview spricht sie über die Auswirkungen der Corona-Krise auf alle drei Branchen, in denen sie tätig ist, warum sie als Händlerin auf alternative Zustelloptionen verzichtet und sich für den Lockdown ausspricht. Aber auch, auf welche Posts man derzeit eher verzichten sollte und warum sie trotz allem positiv bleibt.

TextilWirtschaft: Frau Terlutter, können Sie einmal ganz allgemein beschreiben, wie die aktuelle Lage für Sie als Einzelhändlerin aussieht?
Lena Terlutter: Unsere Läden sind seit einer knappen Woche geschlossen. Wir befinden uns seitdem in freiwilliger Quarantäne, da uns das Beispiel Italien klargemacht hat, dass wir hier auch als Privatpersonen früh reagieren müssen. Aber die Bereitschaft, zu Hause zu bleiben, scheint in Köln noch nicht bei allen vorhanden zu sein. Das ärgert einen gleich zweifach: wirtschaftlich, weil man hofft, möglichst bald wieder öffnen zu können. Und persönlich, weil man einen Beitrag leistet, aber das nur funktioniert, wenn alle an einem Strang ziehen. Ich – und eigentlich alle, mit denen ich derzeit spreche – wünschen sich daher den Lockdown.

Sind sie durch die Ladenschließung auf alternative Zustellmethoden ausgewichen?
Nein, wir bieten auch keine Online-Bestellungen an, da das nicht unserem Geschäftsmodell entspricht. Wir werden auch in den Social Media-Kanälen häufig gefragt, warum wir nicht Videotelefonie anbieten, auf einen Online-Shop ausweichen oder weiterhin in irgendeiner Form versenden. Aber das letzte, was die Kunden derzeit brauchen, ist doch neue Ware, wenn sie ohnehin nicht vor die Tür gehen können. Und ich will keinen meiner Mitarbeiter für Zustelldienste in Gefahr bringen. Wir versuchen also, die Füße stillzuhalten. Außerdem habe ich nicht nur zwei weitere Unternehmen, sondern auch drei kleine Kinder, die derzeit nicht betreut oder unterrichtet werden, weshalb wir das Zuhause selbst machen. Ich habe also gerade auch schlichtweg keine Zeit dafür.

Und die bereits vorhandene Ware?
Eintreffende Pakete haben wir angenommen, damit sie nicht etwa bei Nachbarn zwischengelagert werden. Wenn die Pakete noch nicht fertig gepackt oder losgeschickt waren, bleiben sie auf Weiteres erst einmal beim Lieferanten. Der Großteil unserer Bestellungen ist ohnehin schon bei uns eingetroffen. Wir arbeiten ja nicht in einer Branche, in der die Ware verdirbt. Wir hoffen, dass wir die Kollektionen dann eben später, im Mai oder Juni, verkaufen können. Aber das ist derzeit unser geringstes Problem. Es geht erst einmal darum, Mitarbeiter und Mieten weiter bezahlen zu können. Und wir hoffen, dass die Politik uns hier unter die Arme greifen wird. 

Also sind sie zuversichtlich, die Kollektionen auch später noch verkaufen zu können?
Ich denke, wenn die aktuelle Situation sich bessert und die Kunden sich wieder ungehindert frei auf den Straßen bewegen können, sind sie so ausgehungert, dass sie sich freuen werden, wieder shoppen zu können. Wir haben einen sehr treuen Kundenstamm. Ich bin mir also hundertprozentig sicher, dass die Kunden dann einfach später in der Saison vorbeikommen und sich für den Sommer eindecken werden. Sie haben dann in den vergangenen Wochen auch weniger ausgegeben. Das fließt positiv ins Shopping-Budget ein.

Befürchten Sie, dass die Ware dann mitunter besonders früh reduziert wird?
Viel früher geht es ja kaum mehr. Wir haben aber nicht allzu hohe Stückzahlen, folglich auch keinen besonders hohen Warendruck.

Bemerken Sie denn bereits Auswirkungen oder Verzögerungen innerhalb der Lieferkette?
Wir hatten kürzlich neue Hangtags bestellt, die wir aus China beziehen. Da dort keine Mitarbeiter in den Fabriken sind, hatten sie starke Lieferschwierigkeiten. Das ist wie ein Rattenschwanz – es hängt alles zusammen.

Sie sind in drei Bereichen selbstständig. Gefährdet diese Extremsituation ihre Existenz?
Nein. Wir haben mehrere Unternehmen und somit nie nur auf eine Karte gesetzt. Mit nur einem Konzept solche Situationen aufzufangen, ist schwer. Von daher bleiben wir recht gelassen. Deshalb ist es auch wichtig, jungen Gründern klarzumachen, was es bedeutet, selbstständig zu sein – und dass Rücklagen enorm wichtig sind. Klar ist es verlockend, wenn du eine super Saison hast, alles zu reinvestieren. Das ist natürlich in einem gewissen Maß auch sinnvoll. Aber man muss eben auch sparen, damit man genau solche Saisons überstehen kann, ohne Angst zu haben, dass man Mieten oder Mitarbeiter nicht mehr bezahlen kann. Ich bekomme viele Nachrichten von jungen Followern, die auch gerne einen Laden hätten. Aber das Ganze hat eben auch eine Kehrseite, wenn man nicht richtig wirtschaftet. 

Welche drei Unternehmen betreiben Sie genau?
Ich bin als Einzelhändlerin – mit der Boutique Belgique in Köln –  selbstständig. Außerdem haben mein Mann und ich gemeinsam eine Social Media-Agentur, über die wir meinen Instagram-Account und Social Media-Kampagnen für weitere Unternehmen managen. Das ist wichtiger denn je, da die Leute ja aktuell viel im Netz unterwegs sind. Außerdem betreiben wir gemeinsam eine Immobilienfirma, die über die Corona-Krise natürlich ebenfalls betroffen ist. Gewerbe macht allerdings nur einen Teil davon aus. Die meisten Mietverhältnisse sind Privatwohnungen, die ja weiterhin bezahlt und momentan durchaus benötigt werden.

Also ist das Thema Miete für sie doppelt relevant?
Ja. Wir halten uns aber an alle Mietverträge, da wir ja auch hoffen, dass alle unsere Mieter das Gleiche tun. Sonst wäre das ein riesiges Chaos. Wir glauben aber an den Rettungsschirm der Politik und werden, wenn es eine Chance gibt, unterstützt zu werden, diese auch ergreifen. 

Wie handhaben Sie die Bezahlung Ihrer Mitarbeiter? Weichen Sie auf Kurzarbeit aus?
Nein, sie bauen derzeit Überstunden ab oder nehmen Urlaub. Zumindest für die ersten ein, zwei Wochen. Dann schauen wir weiter. Wir stellen aber die Bezahlung sicher. Wir leben derzeit von Tag zu Tag. Wir werden den Laden so lange geschlossen halten, bis eine andere Ansage von oben kommt. Wir reden ja hoffentlich nur über Wochen, nicht über Monate. 

Kommen Aufforderungen wie #supportyourlocaldealer für Sie infrage?
Nein, ich will den Kunden nicht das Gefühl geben, dass sie dafür verantwortlich sind, dass mein Business weiterläuft. Diesen Druck will ich nicht an sie weitergeben.

Apropos Kommunikation: Sie betreiben als Influencerin auch einen eigenen Social Media-Account. Wie macht sich die Corona-Krise dort bemerkbar?
Es wurden per se alle Events und Reisen abgesagt. Da sitzen wir alle in einem Boot. Sie sind aber nur aufgeschoben, nicht aufgehoben. Man merkt, dass die Unternehmen – und nicht zuletzt wir selbst – wesentlich vorsichtiger sind derzeit. Einige Content-Partner haben bewusst den Austausch mit uns gesucht, um gemeinsam Lösungen zu finden. Zwar laufen die Kooperationen weiter, werden aber erst einmal pausiert oder verschoben. Follower reagieren derzeit einfach sensibler auf Werbeinhalte. 

Haben Sie Beispiele für Posts, die aktuell trotzdem vertretbar sind?
Das entscheiden wir im Einzelfall. Ein Beispiel wäre Lego: Das Unternehmen hat ein neues Bastelset herausgebracht und uns zugesendet. Da mich ohnehin einige meiner Follower nach Ideen gefragt haben, wie wir unsere drei Kids derzeit zuhause beschäftigen, hat es gut gepasst, sie beim Spielen damit zu zeigen. So hat es auch einen Mehrwert für die Follower. Aber man sollte nichts posten, was schwierig ist, nur um danach eine Rechnung herausschicken zu können. 

Was geht gar nicht?
Was ich nicht so gut finde, ist, dass jetzt viele mit super besinnlichen Tipps um die Ecke kommen. Nach dem Motto: Du hast doch jetzt Zeit und kannst meditieren, Yoga machen, deinen Kleiderschrank ausmisten. Aber das setzt einen doch auch unter Druck – jetzt wieder das Gefühl zu haben, etwas Besonderes machen zu müssen. Und einige haben auch schlichtweg gerade keine Zeit. Warum nutzen wir die Gelegenheit nicht einfach, um mal Nichts tun zu müssen? Man muss doch dieser FOMO-Bewegung (Anm.: FOMO = fear of missing out / die Angst, etwas zu verpassen), die vor allem auf in den Sozialen Netzwerken zu beobachten ist, mal entgegenwirken und sich jetzt auf das besinnen, was wirklich wichtig ist.

Haben Sie Ihre Community befragt, was sie sich inhaltlich wünscht?
Ja, ich habe meine Kunden fragt, ob sie andere Inhalte sehen möchten. Und die meisten haben geantwortet, dass sie sich eher ein bisschen Ablenkung wünschen, da man verständlicherweise momentan fast überall mit Corona konfrontiert wird. Der Grundtenor meiner Posts lautet also: Lasst uns Zuhause bleiben – aber alle zusammenhalten, gegenseitig pushen und motivieren. 

Abschließend: Was wünschen Sie sich jetzt von der Regierung?
Dass die Versprechen eingehalten werden und die Hilfsangebote nicht nur heiße Luft oder mit Restriktionen verbunden sind. Und dass die Maßnahmen auch wirklich greifen. Wir brauchen schnelle, zuverlässige Hilfe, vor allem für die kleinen mittelständischen Unternehmen. Denn wie sollen wir die Wirtschaft nach der Corona-Krise wieder aufbauen, wenn sie dieser alle zum Opfer fallen? Ich hoffe, dass der Lockdown bald kommt – damit wir uns gegenseitig schützen, gesund bleiben und möglichst bald zur Normalität zurückkehren können. Ich bin durchaus positiv, dass alles wieder gut wird und denke, dass wir das gemeinsam in den Griff bekommen. Ich hoffe, ich behalte recht.





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