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Die Corona-Krise beschert dem Journalismus nie für möglich gehaltene Nutzerzahlen › Meedia


Wenn es eins gibt, das sich für die Medienbranchen positiv aus der aktuellen Corona-Krise heraus ziehen lässt, dann die Tatsache, dass der Journalismus derzeit einen Zuspruch erhält wie selten, vielerorts sogar nie zuvor. Im Fernsehen und Internet werden neue Nutzerrekorde aufgestellt, selbst Print profitiert in Teilen. Ein Überblick.

Fernsehen:

Zum Leitmedium der Corona-Krise entwickelte sich schnell die 20-Uhr-“Tagesschau”. Nimmt man den 10-Tages-Zeitraum vom 14. März bis 23. März, so sahen allein im Ersten 8,38 Mio. pro Tag zu. Im Vergleichszeitraum von zehn identischen Wochentagen vom 16. März bis 25. März 2019 waren es 5,42 Mio. – ein Plus von fast 55%. Zählt man sämtliche Dritten, 3sat, Phoenix & Co. dazu, so kam die “Tagesschau” am Sonntag beispielsweise sogar auf fast 19 Mio. Zuschauer. Zahlen, die es sonst allenfalls in Halbzeitpausen von Fußball-WM- oder -EM-Spielen mit deutscher Beteiligung gibt. Doch nun ist der Einschaltgrund keine WM, sondern der pure Nachrichtenjournalismus.

Ähnlich sieht es bei “heute” im ZDF (+59% auf 6,10 Mio.), dem “heute journal” (+37% auf 4,87 Mio.), den “Tagesthemen” (+73% auf 3,53 Mio.), “RTL aktuell” (+42% auf 4,42 Mio.) und den “Sat.1 Nachrichten” (+36% auf 1,84 Mio.) aus.

Noch extremer sind die Zuwachsraten bei den 14- bis 49-Jährigen. Die Altersgruppen, die dem linearen Fernsehen zuletzt verstärkt den Rücken zugewandt haben, sind nun wieder da, um sich über Corona-Entwicklungen zu informieren. Die 20-Uhr-“Tagesschau” kam im erwähnten Zeitraum im Ersten auf 2,45 Mio. Zuschauer, fast doppelt so viele wie ein Jahr zuvor (1,29 Mio.). Ähnlich extrem sind die Zuwachsraten aller anderen Nachrichtensendungen, keine der genannten gewann weniger als 65% Zuschauer hinzu.

Deutlich verstärkten Zuspruch verzeichnen auch die Talkshows. Die beiden “Anne Will”-Sendungen vom 15. und 22. März liefen bei 5,92 Mio. Menschen – ein Zuwachs von 44% gegenüber den entsprechenden Ausgaben 2019. “maybrit illner” gewann im gleichen Zeitraum 57% Zuschauer hinzu, “Markus Lanz” sogar 97%.

Neben den Info-Sendungen der großen Kanäle profitieren auch Sender, die den ganzen Tag lang Nachrichten, Pressekonferenzen, Reportagen, Magazine und Dokus zeigen. ntv verzeichnete zwischen dem 14. und 23. März beispielsweise Tages-Marktanteile von 2,0% und damit das Doppelte des Normalniveaus von 1,0% im Gesamtjahr 2019. Welt steigerte sich in ähnlichem Ausmaß von 0,8% auf 1,5%, Phoenix von 1,0% auf 1,2%. Und auch hier sieht es bei den 14- bis 49-Jährigen noch extremer aus. Beispiel ntv: Im Jahr 2019 erreichte der Sender 0,9%, in den zehn erwähnten Tagen 2,6%.

Internet:

Massive Wachstumsraten lassen sich auch bei fast allen Nachrichtenmedien – regional oder überregional – beobachten. “Bild” als populärstes journalistisches Medium des Landes besuchten via Website und App zwischen dem 14. und 23. März laut AGOF 8,34 Mio. Menschen ab 16 Jahren pro Tag. Verglichen mit dem entsprechenden Vorjahreszeitraum (5,46 Mio.) entspricht das einem Plus von 53%. “Der Spiegel” steigerte sich um 81% auf 6,70 Mio.

Andere Online-Medien haben ihre Nutzerzahlen sogar mehr als verdoppelt. Besonders hervorzuheben ist auch hier wieder ntv, das in den zehn März-Tagen 2019 noch 2,27 Mio. User pro Tag erreichte, nun heftige 6,55 Mio. – ein Plus von 189%. Ähnlich massive Wachstumsraten verzeichnen “Welt”, “Merkur.de”, die “Süddeutsche Zeitung”, die “Frankfurter Allgemeine”, usw.

Die “Berliner Morgenpost”, die sich derzeit u.a. mit einer mehrmals täglich aktualisierten Infografik über die Corona-Fälle aus aller Welt (und den wohl aktuellsten Zahlen aus Deutschland) hervortut, machte aus ihren 0,25 Mio. Nutzern der zehn März-Tage 2019 ein Jahr später 1,95 Mio., katapultierte sich mit einem 680%-Plus in die Top 20 der reichweitenstärksten Online-Nachrichtenmarken.

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Social Media:

Eine große Rolle bei der Information der Leute über Corona spielen auch die sozialen Netzwerke. Die größten Zuwachsraten verzeichnen auch hier die etablierten journalistischen Marken. Die “Tagesschau” erzielte mit den Posts auf ihrer Facebook-Seite vom 14. bis 23. März beispielsweise 1,60 Mio. Likes, Reactions, Shares und Kommentare. Ein Jahr zuvor waren es 354.000. Eine Zuwachsrate von 352%. “ZDF heute” kam parallel dazu auf 844.000 und damit 484% mehr als damals, “RTL Aktuell” steigerte sich um 360%, “ntv Nachrichten” um 986%, usw.

Print:

Selbst Print-Medien scheinen durch die Corona-Krise neuen Zulauf zu bekommen. Gruner + Jahr hat seine steigenden Einzelverkaufs- und Abo-Zahlen für Titel wie “stern”, “Gala” oder “Geo Wissen Gesundheit” bereits öffentlich gemacht, aus anderen Verlagen ist vielfach Ähnliches zu hören. Inwiefern diese Tendenzen der vergangenen Tage aber durch verschärfte Ausgangsbestimmungen nachhaltig sind, bleibt abzuwarten. Die Nach-Hause-Lieferung von abonnierten Zeitungen und Zeitschriften dürfte aber für viele Leser wieder Attraktivität gewinnen. Belastbare, objektive Zahlen für verkaufte Auflagen werden aber erst im Laufe des Aprils vorliegen.

Umsätze:

Neben steigenden Käuferzahlen für Print-Produkte ist aus Verlagen aber auch zu hören, dass die Kundenzahlen der digitalen Bezahlmodelle überdurchschnittlich stark steigen. Während sich im Vertriebsmarkt das gestiegene Interesse an Journalismus also zumindest etwas auszuzahlen scheint, gehen gleichzeitig die Umsätze mit Werbung massiv zurück. Die Nielsen-Zahlen für den April werden dramatisch aussehen.

Obwohl die Reichweiten so stark ansteigen, verzichten viele Unternehmen darauf, diese Reichweiten zu nutzen. In vielen Fällen ist das auch verständlich, in anderen aber auch nicht. Diverse Unternehmen machen in TV, Web und Print schon vor, wie man seien Marken auch in solchen Zeiten emotional, klug und nachhaltig präsentieren kann.

Für die journalistischen Medienmarken bleibt die Hoffnung, dass die Werbeumsätze irgendwann nach der Krise zurück kommen und viele der neu gewonnenen Nutzer, Leser und Zuschauer dabei bleiben, weil sie den Journalismus für sich wieder entdeckt haben.

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