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„Burda ahnte Siegeszug von Social-Media-Diensten – lange bevor es sie gab“


Das Leben des Verlegers Hubert Burda ist zu groß für nur einen Erzähler: Also baten wir anlässlich seines 80. Geburtstags acht Weggefährten, uns auf eine Reise durch die acht Jahrzehnte mitzunehmen. Von den Weinbergen in Offenburg über die Factory von Andy Warhol bis nach Stockholm um Nobelpreis für seinen Freund Peter Handke.

Hier: die Nullerjahre von Steffi Czerny. Sie initiierte gemeinsam mit Hubert Burda die Digitalkonferenz DLD, auf der technologische und gesellschaftliche Trends verhandelt werden.

„Wenn sich die Medien verändern, verändert sich die Gesellschaft.“ Dieses Walter-Benjamin-Zitat ist für mich untrennbar mit Hubert Burda verbunden. Er hat früh erkannt, dass das Internet sein Geschäft als Verleger massiv verändern wird: die Aufbereitung und Verbreitung von Informationen und Wissen.

Ihn trieb die Neugier, das weltverändernde Wesen dieses neuen Mediums zu ergründen. Wie gestaltet sich der Wandel? Welche Dynamik treibt ihn? Welche Kräfte verändern das Unternehmen?

Reise zu den Evangelisten der digitalen Zeitenwende

Schon zu Anfang der 1990er-Jahre machte Hubert Burda sich auf nach Kalifornien, ins Silicon Valley, um die Coder, Algorithmenschreiber und Evangelisten der digitalen Zeitenwende zu treffen und von ihnen zu lernen. Und es zog ihn nach Israel, wo seit jeher neue Technologien entstehen, wo sich Forscherdrang und tiefgründiger Erkenntnishunger zu neuen Erklärungsmodellen der Welt verdichten.

In beiden Ökosystemen fand Hubert Burda spielerische Kreativität, gepaart mit Erfinder- und Unternehmergeist. Dieses „Entrepreneurship“, dieses „Trial & Error“-Denken, das heute in den Führungsetagen sämtlicher Konzerne gepredigt und manchmal auch praktiziert wird, war in Europa längst noch nicht angekommen. Bei ihm, dem kunsthistorisch studierten Unternehmenslenker, sprang der Funke sofort über, und er setzte seine Fähigkeit des dynamischen Perspektivenwechsels als Führungsinstrument ganz bewusst im Unternehmen ein.

Die Entwicklung der Zentralperspektive in der Malerei oder die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern im 15. Jahrhundert: Die Analogie zum explosiv weltverändernden Potenzial des Internets lag für den Mustererkenner Hubert Burda unmittelbar auf der Hand.

Seine Neugier, sein unerschöpflicher Wissensdurst schickten ihn nicht nur auf die Suche nach den neuen Geschäften des Internet- Zeitalters. Er war auch dem digital getriebenen Wandel ins Bildhafte auf der Spur. Das Internet brachte eine neue Macht der Bilder, den Iconic Turn, mit sich. Die linke wurde wieder mit der rechten Gehirnhälfte in Harmonie gebracht, Bilder wieder mit Schrift in Kontext gesetzt, neue Wissensräume eröffnet.

Visionär, Menschenkenner, Erzähler, Gestalter

Den Siegeszug der bildverliebten Social-Media-Dienste und die damit verbundene Erweiterung der klassischen Medien ahnte Hubert Burda voraus – lange bevor es sie gab. Er machte ihn zu einem visionären Unternehmer und empathischen Seismografen von disruptiven Kräften.

Unter seiner Führung entwickelte sich der Verlag zu einem Medien- und Technologieunternehmen. Und nur unter Hubert Burda konnte eine Marke wie DLD entstehen. Das war nie ein linearer, von Erfolgen gesäumter Weg. Doch Rückschläge bewegten ihn nie zum Aufgeben. Sie schärften vielmehr seinen Sinn dafür, wie Disruption in Innovation umgeschrieben werden kann und welche Menschen, welche Agilität, welche Strategien es dafür braucht.

Ich kenne und schätze Hubert Burda als Menschenkenner, als Geschichtenerzähler, als optimistischen Gestalter, der disparate Gedanken- und Produktwelten zu verbinden weiß. Er ist ein großer Visionär. Ein Mann des 20. Jahrhunderts fürs 21. Jahrhundert.

Dieser Text ist Teil des neuen FOCUS. Möchten Sie noch mehr exklusive Geschichten der Ausgabe 07/20 lesen?



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